An der Buchvernissage "Schilder in der Wüste" von Hannelore Dietrich
Einführung der Berner Schriftstellerin Barbara Traber
Liebe Buchvernissage-Gäste
Ein neuer Roman von Hannelore Dietrich – ein Ereignis, das gefeiert werden muss!
Einmal mehr staune ich über ihre sprachlichen Fähigkeiten, ihre grosse Lebenserfahrung
und Empathie und über die hochaktuellen Themen, die von ihr behandelt werden. Sie
besitzt die seltene Begabung, generationenübergreifende Geschichten zu erzählen, die
Hand und Fuss haben und uns berühren. Dahinter steckt aber weit mehr: Die Autorin
geht in die Tiefe, und wichtige Fragen werden gestellt, die uns alle, Jung und Alt,
umtreiben.
Bereits mit den ersten Sätzen werden wir hineingezogen in Schilder in der Wüste. In die
Gegenwart, in das Hier und Jetzt, mit dem Schatten des Ukrainekriegs im Hintergrund.
Eine alte Frau auf einer Bank, die spontan ein Kirchenlied singt. Ein Gespräch mit einer
etwa Dreissigjährigen namens Florentina. Eine auf den ersten Blick idyllische Gegend
auf dem Land, gestört von Motorengeräusch. Natur, Tiere, Umwelt. Zudem fallen die
Begrie WG und Krieg, und erstmals kommt ein Schild vor, ein Messingschild zur
Erinnerung an einen Toten. Wer ist Richard? Wer ist die etwas verwirrte Alte? Sofort ist
das Interesse da an den Figuren, die so lebendig wirken, dass man bald meint, sie
persönlich zu kennen. Eine grosse Nähe zu ihnen baut sich auf. Wir identifizieren uns mit
ihnen, nehmen Anteil an ihrem Schicksal. Erzählt wird aus drei verschiedenen
Perspektiven: am meisten jener von Florentina, aber auch aus der Sicht von Jonah,
einem WG-Mitbewohner, und jener der alten Frau.
Je weiter wir lesen, desto mehr Leitmotive entdecken wir, die rainiert eingebaut sind:
die Metapher Himmel, Lieder, christliches Gedankengut. Es gibt präzise Dialoge und
wichtige Sätze, beinahe Aphorismen, die manchmal wie «Strassenschilder in einer
weglosen Wüste» wirken. Auallend ist wiederum das gute Händchen für Namen der
Autorin, oft mit einer Prise Humor. Der Titel ist irritierend und zugleich geheimnisvoll,
doch selbst das attraktive Cover hilft da nicht weiter. Was soll das mit der Wüste? Spielt
der Roman denn nicht in der Schweiz und in Deutschland? Ist mit «Wüste»
Wasserknappheit, folglich die drohende Klimakatastrophe, gemeint?
Florentina erwähnt gleich zu Beginn, sie stamme von ostelbischen Junkern ab. Dann fällt
das Wort «Stacheltier» – und von da an ist klar: Florentina/Flora = Flocke = eines der
«Bärchen» aus dem Roman Vom Himmel gefallen! Schön, ihr nun als Erwachsene
wieder zu begegnen. Was ist aus ihr geworden?
Man muss die beiden vorherigen Romane von Hannelore Dietrich nicht gelesen haben,
um den dritten, in sich abgeschlossenen, zu verstehen – aber es ist zusätzlich ein
Geschenk, dass die Geschichte weitergeht, man fühlt sich gleich «zuhause». Spannung
und Neugier nehmen zu. Beim Weiterlesen suchen wir Spuren der drei Kinder aus
Norddeutschland, die ganz speziell sind, mit übermässiger Körperbehaarung, einer Art
Fellchen, als wären sie Pelztiere, eben Bärchen. Übrigens ist diese Besonderheit von
Petsch, Lee und Flocke nicht nur eine märchenhafte Erfindung der Autorin, sie scheint
nicht selten in der Realität vorzukommen. Die drei tauchen wieder auf, Petsch/Peter
sogar mit seinem Enkel Basti, den wir aus Zeichen an der Wand kennen, und Robert,
Olga und Elli …
Florentina muss sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und Lösungen für die
Zukunft finden. Sie versucht, sich von den anderen WG-Mitbewohnern etwas
abzugrenzen – und schreibt an ihrer Masterarbeit in Psychologie mit dem topmodernen
Thema: «Die Rolle von habituellen und sozialen Faktoren bei der Aufrechterhaltung von
gesundem Essverhalten nach erfolgreicher Gewichtsreduktion.» Doch dann wird sie vor
eine äusserst schwierige Entscheidung gestellt: Soll sie, als sie ungewollt schwanger
wird, abtreiben oder das Kind behalten?
In der WG lebt auch der etwa 40-jährige Jonah, Ingenieur am Bundesamt für Umwelt. Er
macht sich nicht nur Sorgen um den Zustand der Umwelt, er wird aktiv – und man würde
sich ihn als Schwiegersohn wünschen. Jonah heisst er – und sofort denken wir an die
biblische Geschichte von Jonah und dem Wal. Ging Jonah nicht nach Ninive und
belehrte die Menschen, und sie hörten ihm zu? Da zeigt sich, wie gut die Autorin die
Bibel kennt.
Hannelore Dietrich mag Leitsprüche. Was ist das Motto von Schilder in der Wüste?
Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Das ist ein Ausspruch des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno, zum Sprichwort
geworden. Der Satz steht am Schluss von Minima Moralia («Winzige Ethik»), Reflektionen
aus dem beschädigten Leben, 1949 verfasst, einer Auorderung, Unmögliches
anzustreben. Der Satiriker Robert Gernhardt nannte die Sentenz einen «Hammersatz»
Adornos, an dem sich ganze Generationen «abarbeiten» konnten.
Hannelore Dietrich behandelt dieses schwierige Motto bei weitem nicht theoretisch,
sondern setzt es praktisch-anschaulich im Denken und Handeln ihrer Figuren um.
Genau so muss Literatur sein!
Eindrücklich, was für eine grosse, gut drei Jahre lange Denkarbeit hinter diesem neuen
Roman von Hannelore steht! Das ganze Buch hindurch werden wir unaufgeregt
aufgefordert, über unser Tun und Lassen nachzudenken. Wie verhalten wir uns
angesichts von Kriegen und Klimakrise? Wo und wie müssen wir uns wehren, ja
Widerstand leisten? Genügt ein möglichst kleiner privater ökologischer Fussabdruck,
oder muss das System als Ganzes kritisch betrachtet werden? Und ist es noch zu
verantworten, Kinder in diese kaputte Welt zu setzen?
Der Alltag in der Wohngruppe ist derart realistisch beschrieben, dass ich oft gedacht
habe: Ja, genauso geht es in WGs zu und her. Auf Wanderungen habe ich mich
umgeschaut, als könnte ich das Haus finden: Im Emmental oder Oberaargau?
Hannelore wohnt jedoch nicht allzu weit von Zimmerwald – und da auch Zimmerwald,
politisch ein bedeutsames Dorf, vorkommt, hat sie «ihre» WG wohl in Bern-Mittelland
angesiedelt. Die weiteren Leute, die hier zusammenwohnen, sind ebenfalls wichtig:
Beat und Beate, beide in der Pflege tätig, und die oft freche, pubertierende Caro, die
einem ans Herz wächst. Alle werden mit persönlichen Problemen konfrontiert wie:
alternative Lebensformen, Liebesbeziehungen, Trennungen, Enttäuschungen bis zur
Entscheidung für oder gegen ein Kind. Ist es möglich, daraus ein Buch zu machen, das
quer durch verschiedene soziale Schichten alle anspricht und trotzdem nicht
pessimistisch wirkt? Ja, Hannelore Dietrich ist dieses Kunststück mit Bravour gelungen!
Auallend ist die musikalische Umrahmung des Romans durch Lieder: Bekanntlich
macht Singen glücklich. Man könnte die passende Playlist zum Buch erstellen:
Eichendors Mondnacht, vertont von Schumann; Du lass dich nicht verhärten von Wolf
Biermann; Geh aus mein Herz und suche Freud von Paul Gerhardt; Im Frühtau zu Berge
… Aber Caro, die Jüngste in der WG, findet Taylor Swift besser!
Jonah – wer anders als Jonah – findet: „Ohne Vision eines lebenswerten Lebens für alle
geht's nicht. Denn die Welt gehört nicht nur den starken Lebewesen, auch den
kränklichen und wehrlosen wie den vom Aussterben bedrohten Insekten, den
ausgebombten Kindern, den zahnlosen Alten, ach, warum sie alle aufzählen, jede oder
jeder kennt sie aus den Medien oder der Nachbarschaft.“
Einen kurzen Satz zitiert Florentina in einer schwierigen Situation. Sie hat ihn auf dem
Umschlag eines Gedichtbandes gelesen: „Leben will leben.“
Was stärkt unsere Resilienz? Gibt es noch Honung? Was können wir tun? Antworten
auf solche Fragen und Denkanstösse sind in Schilder in der Wüste tatsächlich zu finden.
Bei der Lektüre erleben wir oft Erfreuliches: Menschlichkeit, Trost, Zuversicht,
Freundschaft und Liebe.
Liebe Hannelore, ich habe dein neues, aus einzigartigen Geschichten bestehendes Werk
mindestens schon drei Mal gelesen. Die Lektüre packt mich immer so sehr, dass ich die
Zeit vergesse und bis zum letzten Wort nicht aufhören kann. Ich gratuliere Dir zu diesem
mit Weisheit und Warmherzigkeit geschriebenen Roman. Kaufen und lesen,
verschenken und empfehlen wir Schilder in der Wüste! Dieses Buch wird seinen Weg
machen.
Barbara Traber
22. April 2026, Villa Bernau